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Vertrauen ist gut, Sicherheit ist besser

Wer evidenzbasiert berät, kann die bestmögliche Therapie empfehlen. Doch das gelingt nur, wenn Sie neben Ihrem Erfahrungsschatz auch die Wünsche Ihrer Kunden und klinische Studien einbeziehen. Die besten Tipps für Ihre OTC-Beratung.

Artikel von Romy Schönwetter

Und, was ist nun das beste Mittel gegen meine Beschwerden?“ Die Kundin steht erwartungsvoll vor dem HV. Jetzt sind Sie an der Reihe: Was empfehlen Sie ihr? Und aus welchen Gründen? Die Entscheidung für oder gegen ein Produkt treffen Sie in der OTC-Beratung gemeinsam mit Ihren Patienten – und das mehrfach am Tag. Es geht zum Beispiel darum, welches von zwei Arzneimitteln in der individuellen Situation des Kunden besser geeignet ist. Oder welches tatsächlich mehr Nutzen bringt als nur „Abwarten und Tee trinken“. Das oberste Ziel lautet dabei: das Wohl des Patienten. Deswegen ist eines der zentralen Ziele des Positionspapiers „Apotheke 2030“ der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V.: „Öffentliche Apotheken versorgen ihre Patienten individuell und grundsätzlich evidenzbasiert.“ Oder anders ausgedrückt: Wer evidenzbasiert berät, weiß, was wirkt. Das gibt dem Apotheken-Fachpersonal Sicherheit. Und es bedeutet zugleich Entscheidungsfreiheit für die Kunden: Nur wer Vor- und Nachteile kennt, kann aktiv und selbstbestimmt (mit)entscheiden. Das klingt erst einmal gut – heißt es doch, dass Apothekenteams in jedem Beratungsgespräch zuverlässige Antworten auf pharmazeutische Fragen geben können. Das gelingt, indem man Entscheidungen zunächst auf Ergebnisse der Forschung stützt. Gleichzeitig ist Ihr Erfahrungsschatz aus der Praxis eine ebenbürtige Säule für die evidenzbasierte Beratung. Auch wichtig: Bei der Auswahl der richtigen Behandlung, insbesondere in der Selbstmedikation, dürfen Erfahrungen und Vorlieben des Patienten nicht zu kurz kommen.

„Mächtige Basis für Entscheidungen in der Gesundheitsversorgung“

Als Vorbild dient die evidenzbasierte Medizin (EbM). Bereits 1968 fragte sich David Sackett, Dozent an der kanadischen McMaster Universität, wie man neues Studienwissen bestmöglich nutzt. Denn Ärzte waren durch die Ergebnisse unzähliger Publikationen schlichtweg überfordert. Daran wollte er etwas ändern: mehr Struktur, mehr Überblick, weniger Unsicherheit. „Sackett entwickelte also über zwei Jahrzehnte lang ein System für rationale, auf Studienergebnissen basierenden Therapieentscheidungen. So etablierte sich 1991 der Begriff EbM“, erklärt Prof. Dr. Gerd Antes, Gründer des deutschen Cochrane-Zentrums und bis Oktober 2018 wissenschaftlicher Leiter der daraus entstandenen „Cochrane Deutschland Stiftung“. Die gemeinnützige Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die wissenschaftlichen Grundlagen für Entscheidungen im Gesundheitssystem zu verbessern. „Unser Ziel ist es, die Ergebnisse aus Interventionsstudien zu medizinischen Maßnahmen global zu erfassen, aufzubereiten, zu verbreiten und damit nutzbar zu machen“, sagt Gerd Antes. „Damit schaffen wir eine mächtige Basis für Entscheidungen in der Gesundheitsversorgung.“ Die Bedeutung der EbM hat sich seit der Entwicklung vor über 40 Jahren kaum gewandelt, wohl aber die Akzeptanz. Während zu Beginn durchaus offener Widerstand zu beobachten war – vor allem aus Expertenkreisen, die ihre Macht schwinden sahen – ist die Beachtung der Prinzipien heute völlig normal. Der Fokus liegt dabei auf dem Wissenstransfer: Was sagt die klinische Forschung über verschiedene Arzneimittel und Therapieformen? Wo lassen sich Gemeinsamkeiten einzelner Studienergebnisse finden? Was wirkt wirklich?

Evidenzbasierte Selbstmedikation (EBSM)

Eine systematisch erschlossene Wissensbasis für pharmazeutisches Fachpersonal gibt es aktuell nicht. Apotheken können sich lediglich an Arbeitshilfen der ABDA und der Bundesapothekerkammer (BAK) orientieren – oder an klinischen Leitlinien. „Diese sind eigentlich für die Ärzteschaft“, erläutert Kirsten Hien, erfahrene Apothekerin und Referentin der Thomae-Akademie für leitliniengerechte Beratung. „Es gibt zum Beispiel eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, für Pneumologie, für chronische Obstipation und und und. Wer sich als Apotheker oder PTA daran anlehnt, kann sicher sein, dass die Empfehlungen für jede Indikation klinisch nachgewiesen sind.“ Leitlinien können allerdings nicht jede individuelle Situation abbilden. Das bedeutet: Sie sind für Ihre Beratung zwar eine wertvolle Entscheidungsgrundlage, letztlich sollten Sie aber gemeinsam mit dem Patienten das Für und Wider einer Therapie abwägen.

Eine weitere gute Anlaufstelle ist „Das Portal der wissenschaftlichen Medizin“, unter www.awmf.org/leitlinien.html abrufbar. Auch die modernisierte Datenbank von Sanofi (siehe Infokasten) trägt zur Klarheit bei. Außerdem können Sie den monatlichen EVI-Newsletter von AVOXA nutzen (www.evinews.de) (www.evinews.de) sowie die „Pharmaziebibliothek“ des „Fachbereiches Evidenzbasierte Pharmazie“(www.pharmaziebibliothek.de) . Dort finden Sie Hintergründe zu Methoden bzw. Wissensdatenbanken zu Arzneimitteln sowie für evidenzbasierte Informationen. Die EBSM umfasst allerdings weit mehr als die aktuelle Studienlage. „Sie bezieht auch unseren Erfahrungsschatz als Experten in der Beratungspraxis ein: Haben wir mit Präparaten gute Erfahrungen gemacht oder eher schlechte? Auch der individuelle Patientenwunsch ist hier entscheidend“, führt Kirsten Hien weiter aus. Heißt: Die Präferenzen des Patienten, etwa für einen bestimmten Wirkstoff oder ein bestimmtes Präparat, nehmen einen wichtigen Stellenwert der evidenzbasierten Beratung ein. Denn was nutzt die beste klinische Studienlage, wenn der Patient lieber einen Saft möchte, weil er Tabletten so schlecht schlucken kann? Richtig im Apothekenalltag genutzt, können Sie durch eine evidenzbasierte Beratung das Vertrauen Ihrer Apothekenkunden in Sie stärken. Vorausgesetzt, Sie etablieren eine einheitliche Strategie. Die sollte jeder im Team kennen und anwenden. „Am besten machen sich Apotheken eigene Konzepte für ausgewählte Indikationen“, rät Kirsten Hien. „Diese sollten natürlich mit der bisherigen Beratung übereinstimmen, sonst ist der Kunde irritiert.“

Die ersten Schritte für Ihre Beratung

Stellt sich die Frage: Wie geht man vor? Und wo fängt man an? „Die Zeit, sich mit den Grundlagen und der Recherche zu befassen, ist in einer öffentlichen Apotheke ganz klar begrenzt“, sagt Dr. Monika Neubeck. Sie hat sich als Apothekerin und Autorin der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft seit vielen Jahren mit dem Thema EBSM beschäftigt. Ihr gleichnamiges Buch ist aktuell in der vierten Auflage erschienen. Ihr Tipp: „Verteilen Sie die Arbeitslast! Generieren Sie in Ihrem Team Spezialisten, die sich je einer Indikation widmen. So kann sich jeder ‚Spezialist‘ intensiv mit einem Thema vertraut machen, ohne den einzelnen zu stark zu belasten.“ Damit jeder an das Wissen gelangt, muss natürlich ein Austausch stattfinden. Dafür bieten sich Teambesprechungen an. Apothekerin Kirsten Hien wird noch konkreter. Sie rät zu einem Drei-Schritte-Vorgehen: Den ersten Schritt markiert die Stoffsammlung. „Sammeln Sie alle Leitlinien der entsprechenden Indikation. Im zweiten Schritt stellen Sie dann für jede Indikation drei bis vier Präparate zusammen, die sich auf die sogenannte Vier-Sterne-Beratung stützen. Der dritte und letzte Schritt ist dann sozusagen ein Realitätscheck.“ Für die Vier-Sterne-Beratung sind zunächst folgende Fragen entscheidend: Welche Wirkstoffe bzw. Präparate empfehle ich akut (*)? Welche ergänzend (**)? Welche unterstützend (***)? Und welche vorbeugend (****)?

„In den Leitlinien finden sich meist Hinweise für die Bereiche akut und ergänzend. Die unterstützenden und vorbeugenden Präparate beruhen dagegen oft auf eigenen Erfahrungswerten“, erklärt Kirsten Hien. Daher spiele hier die Erfahrung des Apothekenteams eine wichtige Rolle. Dazu kommen die Stellenwerte unterschiedlicher Darreichungsformen. So lassen sich individuelle Patientenwünsche optimal berücksichtigen. Bevor das Apothekenteam die systematische Beratungsempfehlung gemeinsam verabschiedet, folgt in Schritt drei der „Realitätscheck“. Dabei prüft ein Evidenzbeauftragter die Empfehlungen anhand ihrer sinnvollen Anwendung und ihrer Wirtschaftlichkeit.

Wissen prüfen, informiert entscheiden

Mit diesem Schema entstehen individuell geschnürte Therapiepakete: leitliniengerechte Versorgungskonzepte, die nachweislich wirksam sind. Das erhöht das Vertrauen des Kunden in die Beratung und stärkt die Glaubwürdigkeit Ihrer Empfehlung. Für die erste Stoffsammlung kann die Datenbank von Sanofi (siehe unten) hilfreiche Quellen für Indikationen der Selbstmedikation liefern. Zum Beispiel für die Bereiche Erkältung, Verstopfung und Durchfall, Kopfschmerzen und Migräne, Rückenschmerzen, Venenleiden, Bauchschmerzen und -krämpfe oder Sodbrennen. Zugegeben: Die richtigen Quellen zu finden, kann herausfordernd sein. Es gibt zahlreiche Publikationen, selten aufbereitet für den Bedarf des pharmazeutischen Fachpersonals. „Einen großen Handlungsbedarf sehe ich im Zugang zu Quellen“, sagt Monika Neubeck von der wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft. „Manchmal sind damit Kosten verbunden. Darauf sollten Sie sich einstellen. Auch die Qualitätsmerkmale sind sehr unterschiedlich. Mein Tipp: Achten Sie auf Transparenz. Worauf gründet sich die Evidenz? Wer sind die Autoren?“

Zukunft schon jetzt

Am Ende steht das Ergebnis einer glaubwürdigen Beratung, die nachhaltig zum Therapieerfolg und schließlich Geschäftserfolg beitragen kann. EBSM ist eine dringend notwendige Maßnahme der Qualitätssicherung – für Apotheken selbst und für ihre Kunden. Als Berater reflektieren die Mitarbeiter dabei ihre eigenen Erfahrungen anhand von validen Studienergebnissen und können gleichzeitig die Wünsche der Patienten einbeziehen. Das lohnt sich, wie die Erhebung „Apotheke der Zukunft“ vom IfH Institut für Handelsforschung zeigt. Demnach schätzen Patienten die enge Beziehung zu ihrem Apotheker, und zwar nicht nur in Sachen Versorgung mit Medikamenten, sondern auch als Prüfinstanz. So gaben 89 Prozent der Befragten an, sich „die Apotheke weiterhin als schnell und leicht zu erreichenden Ansprechpartner und Wegweiser im Gesundheitssystem“1 zu wünschen. Mit einer richtungsweisenden und sicheren Beratung gelingt Ihnen das.

1 Apotheke der Zukunft – Meinungen, Anforderungen und Wünsche der Bevölkerung. IfH Institut für Handelsforschung, 2012; 46 % bewerteten die Aussage mit „trifft voll und ganz zu“, 45% „trifft eher zu“

Drei wertvolle Empfehlungen

Diese Leitlinien helfen Ihnen dabei, evidenzbasiert zu beraten und ausgewählte Präparate einzuschätzen.Übrigens: Sie können sie alle unter mein.sanofi.de/ebsm abrufen.

Indikation Magen-Darm

Quelle: S2k-Leitlinie chronische Obstipation: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie; Andresen et al. (2013)
Methodik/Hintergrund: Empfehlung der Leitliniengruppe unter Federführung und Koordination der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM) sowie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).
Zitat: „Macrogol, Bisacodyl und Natriumpicosulfat sind bei akuter funktioneller und bei chronischer Obstipation wirksam und sicher und gehören hier zu den Mitteln der ersten Wahl. […] Die Auswahl richtet sich nach der Präferenz des Patienten bzgl. Applikationsform (Dragée, Tropfen, lösliches Pulver) und Geschmack.“

Indikation Erkältung

Quelle: S2k-Leitlinie Rhinosinusitis; Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V. (DGHNO-KHC), Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) (2017)
Methodik/Hintergrund: Die Leitlinie beruht auf einer umfangreichen und systematischen Literaturrecherche. Sie entspricht den methodischen Vorgaben zur Entwicklung von Leitlinien für Diagnostik und Therapie der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).
Zitat: „Dekongestiva können zur symptomatischen Linderung bei ARS (Anm.: akute Rhinosinusitis) verwendet werden. […] Dekongestiva sollten nicht länger als 10 Tage angewendet werden. Bei einer ARS und bei einer rez. ARS können Schmerzmittel zur symptomatischen Therapie empfohlen werden.“

Indikation Kopfschmerz

Quelle: S3-Leitlinie Selbstmedikation bei Migräne und Spannungskopfschmerz; Haag et al. (2009)
Methodik/Hintergrund: Ergebnisse der MEDLINE- und Cochrane-Recherchen; Evidenzbasierte Empfehlungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (SKG).
Zitat: „Zur Selbstmedikation bei Kopfschmerzen vom Spannungstyp können folgende fixe Kombinationen oder Monosubstanzen empfohlen werden: Fixe Kombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein […]. Die Wirksamkeit der Selbstmedikation bei einer Migräneattacke ist für folgende Substanzen oder Substanzkombinationen wissenschaftlich belegt: Fixe Kombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein sowie die Monotherapie mit Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen oder Naratriptan oder Paracetamol oder Phenazon.“

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