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Führen lernen, führen lassen

Artikel von Carl Ulrich Henneberg

73 Prozent der Approbierten in der Apotheke sind weiblich. 1 Und Apothekerinnen erobern immer häufiger die Führungsetagen – etwa als Filialleiterin. Wir zeigen, welche Eigenschaften man dafür braucht und wie der Inhaber neue Führungskräfte unterstützen kann.

Es ist so weit – die neue Filiale der Apotheke ist eröffnet. Der Inhaber erwartet einen großen wirtschaftlichen Erfolg, schließlich hat er seine beste Apothekerin zur Filialleiterin befördert. Sie freut sich auf neue Aufgaben und mehr Verantwortung. Doch bereits nach einigen Wochen staut sich auf beiden Seiten der Unmut. Der Chef fordert mehr Umsatz und ist mit der Personalführung nicht einverstanden, die Filialleiterin fühlt sich allein gelassen und mit den Aufgaben überfordert.

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Fast wöchentlich werden Filialen gegründet 2 – doch eine geeignete Führung zu finden und richtig auszubilden, ist oft eine Herausforderung. Dabei haben Arbeitnehmer Lust auf Verantwortung: Laut einer Studie interessiert sich jeder Dritte für eine Führungsposition.3 Während in den Führungsetagen der Apotheken früher vorwiegend Männer vertreten waren, haben in den letzten Jahren immer mehr Frauen die Filialisierung für sich entdeckt – 2017 wurden bereits 47 Prozent der Filialen von Apothekerinnen gegründet.4

Und Frauen führen erfolgreich: Norwegische Wissenschaftler kamen bei einer Studie mit 2.900 Führungskräften zu dem Ergebnis, dass weibliche Chefs gewissenhafter sind, Innovationen offener gegenüberstehen und Mitarbeiter besser unterstützen als ihre männlichen Kollegen. 5 Für Apothekeninhaber bedeutet das: Im bestehenden, oftmals vorwiegend weiblichen Team findet sich garantiert eine Mitarbeiterin, die sich für den neuen Filialleiterposten eignet.

Empathie trifft Zielstrebigkeit

Was Inhaber bei der Wahl einer Filialleiterin beachten müssen, weiß Doris Nelskamp. Sie leitete 14 Jahre lang eine eigene Apotheke und ist selbstständiger Business-Coach für Führungskräfte- und Teamentwicklung. Die Apothekerin ist überzeugt: Eine Führungskraft braucht vor allem kommunikative Fähigkeiten, Empathie sowie Zielstrebigkeit. „Eine gute Filialleiterin kann sich in verschiedene Personen hineinversetzen und deren Anliegen verstehen: eine Eigenschaft, die vielen Frauen besonders gut liegt. Gleichzeitig sollte sie sich auch trauen, eigene Argumente zu artikulieren und für ihre Meinung einzustehen“, sagt Nelskamp. Eine Mitarbeiterin, die es immer allen recht machen will und stets zwischen den Parteien vermittelt, hält sie für den Filialleiterposten wenig geeignet. „Wer eine Filiale führt, befindet sich häufig im Spannungsfeld zwischen den Anforderungen des Inhabers und den Wünschen des Teams“, sagt sie. „Daher sollte man in der Lage sein, klar und selbstbewusst Position zu beziehen.“

Diese Fähigkeit zeigt sich schon im Bewerbungs- und Einstellungsprozess: Trauen Sie sich als Anwärterin, offen auf den Chef zuzugehen und Ihre Erwartungen an die neue Stelle anzusprechen. Wie viel Verantwortung möchten Sie übernehmen? Bei welchen Aufgaben fühlen Sie sich bereits sicher, wo brauchen Sie noch Unterstützung? Aber auch als Inhaber sollten Sie klarstellen, welche Anforderungen Sie an die neue Führung haben. „Häufig weiß die Filialleitung gar nicht, was der Chef eigentlich von ihr verlangt“, sagt Nelskamp. „Soll sie nur das Sprachrohr für ihre Filiale sein, mit in die Personalführung einsteigen oder das Apothekenteam selbstständig leiten?“ Besprechen Sie offen die gegenseitigen Erwartungen – im Idealfall verschriftlichen Sie diese direkt im neuen Arbeitsvertrag.

Nehmen Sie sich Zeit für Führung

Die Erwartungen sind geklärt, die Papiere unterschrieben. Nun kann es mit der Filialleitertätigkeit losgehen. Aber: Nelskamp rät davon ab, die neue Führungskraft mit Aufgaben zu überfallen. „Wie isst man einen Elefanten? In kleinen Stücken“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Das bedeutet, der Inhaber sollte die Filialleitung nach und nach an die neue Position heranführen. Sie übernimmt beispielsweise zunächst die Ausarbeitung des Dienstplans, dann die Urlaubsplanung und später die Mitarbeitergespräche. Nelskamps Tipp an neue Führungskräfte: „Nehmen Sie sich bewusst Zeit für die leitenden Tätigkeiten. Ich kenne Filialleiter, die fast zu 100 Prozent im operativen Geschäft eingebunden sind. Sie arbeiten jeden Tag im Handverkauf oder der Rezeptur – sämtliche Führungsaufgaben bleiben dabei auf der Strecke.“

Deshalb ist es unverzichtbar, Zuständigkeiten zu delegieren und die Aufgaben im Team zu verteilen. „Natürlich tragen Sie die Verantwortung für Ihre Filiale. Doch das bedeutet nicht, dass Sie alles alleine machen müssen“, sagt die Expertin. Aber auch das kann man lernen – das nötige Handwerkszeug dafür liefern zum Beispiel Schulungen für angehende Führungskräfte.

Um den Lernprozess der Filialleitung zu unterstützen, appelliert Nelskamp wiederum an die Apothekeninhaber: „Besonders am Anfang sind wöchentliche Gespräche wichtig, um der Filialleiterin eine Rückmeldung zu geben und etwaige Herausforderungen im Alltag zu besprechen.“ Mit Kontrolle oder Misstrauen hat das nichts zu tun – im Gegenteil: Laut einer Umfrage unter mehr als 1.000 Arbeitnehmern wünschen sich 91 Prozent regelmäßiges und ehrliches Feedback von ihrem Chef. 78  Prozent möchten sogar, dass er für sie als Mentor agiert. 6 Doris Nelskamp fasst zusammen: „Natürlich ist es gut, wenn Sie Ihrer Filialleitung Freiräume geben. Doch machen Sie sich stets bewusst, dass auch eine Führungskraft Führung braucht.“

1www.abda.de/fileadmin/assets/ZDF/ZDF_2017/ABDA_ZDF_2017_Brosch.pdf
2 www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2011/daz-1-2011/der-filialleiter-rechtliche-fragen-zu-seiner-position
3 universumglobal.com/de/karriereziele-3/
4 www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/apothekerinnen-entdecken-filialen-fuer-sich-existenzgruender-studie/
5 www.spiegel.de/karriere/studie-darum-sind-frauen-die-besseren-chefs-a-1145687.html
6 www.merkur.de/leben/karriere/jobzufriedenheit-wuenschen-sich-mitarbeiter-von-ihren-chefs-zr-8372275.html
jeweils letzter Zugriff: 16.4.2019

Seminartipp: Frauen in der Führungsrolle

Kompetent führen ist keine Geschlechterfrage: In diesem Seminar der Thomae-Akademie lernen Sie, einen persönlichen Führungsstil zu entwickeln, Ihre Mitarbeiter anzuleiten sowie Konflikte im Team zu lösen. Sechs Referentinnen unterstützen Sie dabei.
Leitung: Gracia Thum, Doris Nelskamp, Dr. Ursula Hagedorn, Kirsten Hien, Beate Löffler, Dr. Reinhild Lohmann
Termine: 22. bis 23. November in Frankfurt am Main
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