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Abenteuer Apothekennachfolge

Viele Apotheker vor dem Ruhestand fürchten, keinen geeigneten Nachfolger zu finden. Andere verpassen den richtigen Zeitpunkt dafür, die Abgabe ihres Unternehmens bestmöglich vorzubereiten. Nur wenn beides gelingt, vollendet man sein Lebenswerk lukrativ und nachhaltig.

Letztes Jahr sorgte Wolfgang Liebe als ältester aktiver Apotheker Deutschlands für Schlagzeilen. Der Brandenburger feierte im Juni 2016 seinen 100. Geburtstag. Liebe übernahm die Löwen-Apotheke in seiner Geburts- und Heimatstadt Bad Liebenwerda 1947 von seinem Vater. Doch einen eigenen Nachfolger fand er nicht – bis heute wird er als Inhaber der Löwen-Apotheke geführt.
Schätzungen der ABDA zufolge will ein Drittel aller Apotheken-Inhaber innerhalb der nächsten zehn Jahre in Rente gehen. Viele von ihnen stellen sich offenbar darauf ein, dass dies kein leichter Weg wird. Darauf deuten die Ergebnisse einer 2016 vom Kölner Institut für Handelsforschung durchgeführten APOkix-Umfrage1 hin. Demnach glauben knapp 35 Prozent der Apothekerinnen und Apotheker, dass es problematisch wird, einen Nachfolger zu finden – besonders für solche mit Betrieben im ländlichen Raum. Hinzu kommt: Immer weniger junge Pharmazeuten sehen ihre Zukunft als Unternehmer mit einer Einzelapotheke. Das hat eine Erhebung der Deutschen Apotheker- und Ärztebank ergeben – laut Apobank eine „alarmierende Erkenntnis“.2

Bangemachen gilt nicht

Droht selbstständigen Apothekern tatsächlich ein gravierender Nachwuchsmangel? Günter Fartaczek, Steuerberater und „Nachfolge-Coach“ bei der Thomae-Akademie, hat einen anderen Eindruck: „Unter jungen Apothekerinnen und Apothekern ist der Wunsch, sich selbstständig zu machen, ungebrochen groß“, erklärt er. Auch die Bereitschaft, sich veränderten Markt- und Wettbewerbsbedingungen zu stellen, sei spürbar. Zudem stellt Fartaczek fest: „Abgabewillige Apotheker lassen sich häufig von schlechten Nachrichten der Fachmedien negativ beeinflussen.“ Doch der Berater weiß: Der Erfolg steht und fällt mit der wirtschftlichen Fitness einer Apotheke, mit ihrer Verankerung im Markt und ihren Zukuftsaussichten. Wer in das Abenteuer Apothekennachfolge startet, sollte sich deshalb als erstes Gedanken machen, wann die Übergabe stattfinden soll und was bis dahin noch getan werden kann, um den Wert zu steigern.

Verkaufen statt übergeben

Aus steuerlichen Gründen ist der Verkauf einer Apotheke erst nach dem 55. Lebensjahr ratsam. „Früh genug anfangen kann man damit aber nie“, sagt Günter Fartaczek. Wenigstens fünf Jahre sollte man im Voraus planen und für den eigentlichen Verkaufsprozess etwa zwei Jahre veranschlagen, empfiehlt der Experte.
Susanne Kontzi aus Schwäbisch Hall hat sich daran gehalten und vieles richtig gemacht. Trotzdem geriet der Verkauf ihrer Apotheke im benachbarten Vellberg ins Stocken: Weil mehrere Interessenten kurzfristig absprangen, verzögerte sich die für Ende 2013 geplante Abgabe um mehrere Monate. Gutgegangen ist sie letztlich dank der Unterstützung eines kompetenten externen Fachberaters. Als Kontzi 1977 ihre Apotheke im Städtle eroffnete, war sie 27 Jahre jung und Mutter zweier kleiner Kinder. Das Fachwerkhaus, in dem sich die Apotheke bis heute befindet, ließ sie selbst bauen – mit Betrieb und Wohnung unter einem Dach gingen Beruf und Familie gut zusammen. Von Anfang an lief das Geschäft zufriedenstellend.

„Mein Ehrgeiz war es, mindestens so gut zu sein, wie die Kollegen in Schwäbisch Hall“, erinnert sich die heute 67-Jährige. „Wir hatten ein umfangreiches Warenlager und betrieben einen Zustelldienst. Die Apotheke hat sich im Laufe der Jahre sehr gut entwickelt – durch unsere Aktivitäten und weil Vellbergs Bevölkerung stark wuchs. Auch die Eröffnung einer zweiten Arztpraxis im Ort hat sich positiv ausgewirkt.“ 2003 wurde die Apotheke komplett umgebaut. Ein modernes Kassensystem und die damals neu aufgebaute Kundendatei verbesserten den Service und die Möglichkeiten für effektives Direktmarketing. „Mein Team und ich organisierten drei- bis viermal im Jahr Kundenveranstaltungen wie Diabetikerschulungen und Kosmetikkurse“, sagt Susanne Kontzi. „Wir haben uns fortgebildet, für monatlich wechselnde Angebote selbst Flyer produziert, und Stammkunden bekamen jeweils im Sommer, zu Weihnachten und zum Geburtstag Grußkarten. Marketing fand ich immer spannend, deshalb haben diese Aktionen viel Spaß gemacht!“ Ihren Betrieb mit zuletzt zehn Mitarbeitern habe sie stets auf Vordermann gehalten, betont sie. „Deshalb musste ich die Apotheke für den Verkauf auch nicht aufhübschen.“

Die Schwierigkeiten begannen, als der geplante Abgabetermin heranrückte. Von mehreren als ernsthaft eingeschätzten Interessenten sprang einer nach dem anderen ab. Zuerst ein approbierter langjähriger Mitarbeiter. Dann ein Apothekeninhaber, der eine Weile taktierte und dann ein nicht akzeptables Angebot abgab. Schließlich eine Kollegin, die gemeinsam mit ihrem Mann sowohl die Apotheke als auch die Immobilie erwerben wollte – die beiden traten von einem geschlossenen Vorvertrag zurück.

Das Blatt wendete sich, als Kontzi einen gut vernetzten Fachberater die Apotheke regional ausschreiben und die Übergabe von ihm betreuen ließ. „Ich bedauere sehr, dass ich das nicht gleich gemacht habe“, sagt sie. Zugegriffen hat ein Kollege aus Schwäbisch Hall, der einen Filialbetrieb eröffnen wollte. Er übernahm 2014 die Apotheke mit allen Mitarbeitern und ging als Mieter in die Räume. Mit dem erzielten Erlös zeigt Susanne Kontzi sich zufrieden, zumal sie bald darauf auch ihr Haus gut veräußern konnte. „Für mich war es wichtig, dass die Apotheke im Städtle für die Vellberger bestehen bleibt und dass meine Mitarbeiter ihre Stellen behalten“, sagt sie. Heute, dreieinhalb Jahre später, sind sie alle noch dort beschäfigt. Vom neuen Inhaber weiß sie, dass er den Kauf nicht bereut.

Herausforderung Familiennachfolge

„Die Nachfolge innerhalb einer Familie funktioniert anders als ein Verkauf“, weiß Coach Günter Fartaczek, denn: „In solchen Fällen orientiert sich die Übergabe häufig an sehr persönlichen Wünschen und Bedürfnissen.“ Beim Generationswechsel soll der Familienfrieden gewahrt bleiben. Die Versorgung bisheriger Inhaber und ihrer Angehörigen spielt dabei eine Rolle, und Gleichstellungswünsche weichender Erben – der Geschwister des Nachfolgers – müssen berücksichtigt werden. Mustergültig gelungen ist dies im westfälischen Hagen, wo Dr. Christian Fehske eine der größten Apotheken Deutschlands führt. Die Rathaus-Apotheke wurde 1957 von Fehskes Großvater gegründet. 1984 ging sie auf seinen Vater über, 2016 übernahm der heute 38-jährige Naturwissenschaftler die Verantwortung für die internationale Apotheke mit ihren derzeit knapp 80 Teammitgliedern, die in 25 Sprachen beraten können. 20.000 Stammkunden sind dort registriert, rund 1.000 Besucher kommen täglich, eine Viertelmillion pro Jahr.

Christian Fehske beschreibt die Rathaus-Apotheke als „ganzheitlich orientiertes Gesundheitszentrum“ – die Bandbreite der Beratungs- und Dienstleistungsangebote sucht ihresgleichen. Sich selbst betrachtet Fehske als „Lotsen im Gesundheitswesen“ zum Wohle seiner Kunden, die von der gesamten Belegschaft als Gäste bezeichnet werden. Dementsprechend begegnen sie ihnen gastfreundlich, engagiert, kompetent und ganzheitlich. Der Entschluss für die Übergabe fiel Mitte 2012. Kurz darauf – anlässlich der Weihnachtsfeier – kommunizierten Christian Fehske und sein Vater Dr. Klaus Fehske die geplante Veränderung an ihr Team und wichtige Partner der Rathaus-Apotheke. Der Wechsel wurde vier Jahre lang sorgfältig und in gegenseitiger Wertschätzung vorbereitet. Er vollzog sich fließend – unter anderem, indem die beiden während der letzten achtzehn Monate Seite an Seite und noch mit dem Senior als Chef in der Offzin arbeiteten. Das Ganze ging mit umfangreichen Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen einher: So wuchs die Apotheke auf jetzt 570 Quadratmeter Gesamtfläche, eine Kosmetik-Oase und neue Beratungsinseln kamen hinzu, ein zukunftsorientiertes Kassensystem und ein leistungsfähiger neuer Kommissionier-Automat wurden eingeführt. Inzwischen treibt Christian Fehske unter anderem die Digitalisierung wesentlicher Betriebsabläufe erfolgreich voran.

Rückblickend sagt er: „Als Selbstständiger ist man letztlich eine Art Einzelkämpfer. Trotzdem kann ich nur dazu raten, eine komplexe Unternehmensübergabe als Gemeinschaftsaufgabe von abgebender und übernehmender Generation zu sehen und neben guten Beratern auch das Apothekenteam frühzeitig und vertrauensvoll mit einzubinden.“ Bei den Fehskes gehörten eine seit Langem mit ihnen verbundene Apotheken-Beratungsgesellschaft, ihr Steuerberater, der Notar und die Hausbank dazu. Sowie neben dem Familienrat auch der Kundenbeirat. Mit vereinten Kräften gelang eine nachhaltige Lösung, die nicht nur einen fairen Ausgleich für die drei Geschwister des neuen Inhabers gewährleistet. Sie stellt außerdem sicher, dass Senior Klaus Fehske auch in Zukunft von seiner beruflichen Lebensleistung profitiert. Bis zu seinem 100. Geburtstag – und darüber hinaus.

1 www.ifhkoeln.de/pressemitteilungen/details/apokix-apotheker-fuerchten-vermehrte-apothekenschliessungen/
2www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/nachricht-detail/apobank-studie-apotheker-keine-zukunft-in-der-offzin/, jeweils letzter Zugriff 08.08.2017

    

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